TEIL 4
…Ich blieb im Eingangsbereich der Bank stehen, während draußen Regen gegen die hohen Fenster schlug.
„Frau Morosowa?“ Die Sachbearbeiterin kam mit dem Umschlag auf mich zu. „Wir müssen unter vier Augen sprechen.“
„Was ist in dem Ergebnis?“
Sie sah auf das Papier.
„Es handelt sich um eine medizinische Bescheinigung. Jemand hat versucht, mit Ihren Daten einen Kredit zu beantragen.“
Mir wurde schwindelig.
Der Umschlag enthielt keine Krankheit und kein Geheimnis über meinen Körper. Er enthielt die Bestätigung, dass Konstantin im Namen einer angeblichen ärztlichen Behandlung Geld beantragt hatte. Als Begründung hatte er eine schwere Operation angegeben, die nie stattgefunden hatte.
Er hatte meine Daten, meine alte Unterschrift und sogar eine Kopie meiner Versicherungskarte benutzt.
„Warum eine Klinik?“ fragte ich.
Die Sachbearbeiterin schob mir ein weiteres Blatt hin.
„Weil der Kredit dann schneller bewilligt werden sollte. Die Klinik hat die Anfrage abgelehnt, weil das Datum nicht stimmte.“
Ich setzte mich.
Mein Kupferlesezeichen lag noch immer in meiner Manteltasche. Ich umklammerte es so fest, dass die Kanten in meine Handfläche drückten.
Um 12.18 Uhr rief Konstantin an.
Ich nahm ab.
„Wo bist du?“
„Bei der Bank.“
Er schwieg.
„Du hast einen Kredit in meinem Namen beantragt.“
„Das ist nicht so, wie du denkst.“
„Du hast meine Unterschrift gefälscht.“
„Ich wollte nur Zeit gewinnen.“
„Wofür?“
„Für uns.“
Seine Stimme war plötzlich weich. Genau diese Stimme hatte mich früher beruhigt, wenn ich nachts weinte. Jetzt klang sie wie eine Hand, die nach meinem Hals griff.
„Nein“, sagte ich. „Für dich.“
„Oksana, komm nach Hause. Wir können darüber reden.“
„Ich komme nicht zurück.“
„Du übertreibst.“
„Dann erklär das der Polizei.“
Ich beendete das Gespräch.
Eine Stunde später rief sein Anwalt an. Er sagte, die Angelegenheit lasse sich ohne Anzeige regeln, wenn ich die Erklärung zurücknehme.
„Welche Erklärung?“ fragte ich.
„Die, dass Sie keine Zustimmung zur Übertragung der Wohnung erteilt haben.“
„Sie meinen, ich soll bestätigen, dass ich bestohlen werden darf?“
„Ich rate Ihnen zur Besonnenheit.“
„Ich bin zum ersten Mal besonnen.“
Am Abend trafen wir uns im Büro von Belkin. Galina Petrowna war ebenfalls dort. Sie trug den schwarzen Mantel vom Donnerstag und hielt ihre Handtasche so fest, dass ihre Finger weiß wurden. Elena saß neben ihr und weinte lautlos. Wiktor legte die Speicherkarte auf den Tisch.
Konstantin kam zehn Minuten zu spät.
„Das ist eine Verschwörung“, sagte er.
„Setz dich“, bat Galina.
„Mama, misch dich nicht ein.“
Belkin startete die Aufnahme.
Konstantins Stimme erfüllte den Raum.
„Oksana wird unterschreiben, wenn sie glaubt, die Ehe sei vorbei. Erst die Hochzeit, dann setze ich sie unter Druck. Galina bekommt die Wohnung, und Julia zieht ein.“
Konstantin wurde ganz still.
Er hörte seine eigenen Worte bis zum Ende an. Kein Geräusch kam von ihm. Nur die Wanduhr tickte.
Elena bedeckte ihr Gesicht.
Galina stand auf.
„Du hast mir gesagt, die Wohnung sei ein Geschenk.“
„Ich wollte dich schützen.“
„Vor wem?“
„Vor ihr.“
Sie sah mich an, und zum ersten Mal lag in ihrem Blick keine Verachtung.
„Vor deiner eigenen Frau?“
Konstantin starrte auf den Tisch.
„Ich hatte Schulden.“
„Und Julia?“ fragte Elena.
Er antwortete nicht.
Das Schweigen war Antwort genug.
Am nächsten Morgen nahm die Polizei Konstantins Unterlagen aus dem Arbeitszimmer mit. Die gefälschte Vereinbarung, die Kopien meiner Unterschrift, die Rechnungen von Nordlicht und der Antrag auf den Kredit kamen in beschriftete Beweisbeutel.
Konstantin versuchte noch einmal, die Kontrolle zu gewinnen.
Er rief seine Mutter an.
„Sag, dass Oksana dir die Wohnung freiwillig übertragen wollte.“
Galina antwortete nur:
„Ich werde nicht für dich lügen.“
Er rief Elena an.
„Du kannst die Hochzeit nicht absagen. Alle werden reden.“
„Sie sollen reden“, sagte sie. „Aber nicht mehr über mich als Ausrede für deine Lügen.“
Er rief seinen Anwalt an.
Der Anwalt legte ebenfalls auf. Er hatte erfahren, dass Konstantin ihm verschwiegen hatte, wie viele Dokumente gefälscht worden waren.
Drei Wochen später stand ich in unserer Wohnung und packte seine Sachen in Kartons. Die Wohnung blieb meine, weil Belkin nachweisen konnte, dass ich den größeren Anteil der Raten bezahlt hatte und die Übertragung nie rechtsgültig geworden war.
Das Arbeitszimmer war leer.
Auf dem Fensterbrett lag nur ein Foto von uns beiden aus dem ersten Ehejahr. Konstantin lächelte darauf, als wäre die Zukunft etwas, das ihm gehörte. Ich nahm das Bild nicht mit.
Auch das dunkelblaue Kleid blieb im Schrank.
Am Tag der Hochzeit ging ich nicht hin. Elena heiratete zwei Monate später in einem kleinen Standesamt, mit zwölf Gästen und ohne die Menschen, die sie früher beeindrucken wollte. Sie rief mich danach an.
„Es tut mir leid“, sagte sie.
„Mir auch.“
„Kann ich dich trotzdem Schwester nennen?“
Ich weinte, bevor ich antworten konnte.
„Du darfst.“
Sechs Monate später arbeitete ich in einem größeren Verlag in Sankt Petersburg. Ich redigierte einen Roman über eine Frau, die jahrelang glaubte, ihr Schweigen sei Frieden. Jeden Morgen kaufte ich mir am Bahnhof Kaffee. Jeden Abend ging ich zu Fuß nach Hause, auch wenn es regnete.
Meine Wohnung roch nach frischer Farbe und Zimt. Niemand kritisierte meine Kleidung. Niemand prüfte, wie viel Platz mein Körper auf einem Foto einnahm.
An einem Sonntag kam Elena mit ihrem kleinen Sohn zu Besuch. Der Junge malte am Küchentisch einen Vogel mit viel zu großen Flügeln.
„Das bist du“, erklärte er.
„Warum habe ich so große Flügel?“
„Damit du wegfliegen kannst, wenn jemand gemein ist.“
Elena sah mich an.
„Kinder sagen manchmal die Wahrheit, ohne sie zu kennen.“
Ich strich über den Rand des Bildes.
„Vielleicht kennen sie sie besser als wir.“
Im achten Monat nach der Trennung kam die letzte Nachricht von Konstantin. Er schrieb, er habe Fehler gemacht, sei in Therapie und wolle nur fünf Minuten mit mir sprechen.
Ich las die Nachricht zweimal.
Dann antwortete ich:
„Ich wünsche dir, dass du Verantwortung lernst. Aber ich werde nicht mehr die Person sein, die dich vor deinen Folgen schützt.“
Er schrieb noch drei Mal.
Ich blockierte die Nummer.
Später fand ich in einer Schublade das Kupferlesezeichen wieder. Der kleine Vogel war an einer Stelle verbogen, weil ich ihn in jener Nacht zu fest umklammert hatte. Ich legte ihn nicht zurück in einen Roman.
Ich befestigte ihn an einem roten Band und hängte ihn neben die Wohnungstür.
Nicht als Erinnerung an Konstantin.
Als Erinnerung an mich.
Wenn ich morgens hinausging, glänzte das Kupfer im ersten Licht.
Und jedes Mal wusste ich: Ich musste mich nie wieder kleiner machen, damit jemand anderes größer wirken konnte.
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