TEIL 4
Und hinter uns begann Oksana plötzlich zu lächeln.
— Das Schließfach gibt es nicht mehr — sagte sie.
Ihre Stimme war ruhig. Zu ruhig.
Draußen bremste ein Wagen vor dem Haus. Türen schlugen. Schritte näherten sich auf dem Steinweg.
Oksana griff nach ihrem Telefon.
— Du machst einen Fehler, Andreas.
— Ich habe viele Fehler gemacht.
— Du weißt nicht, was du da auslöst.
— Doch. Ich weiß nur noch nicht alles.
Die Haustür flog auf. Zwei Polizisten kamen mit dem Arzt herein, der sie gerufen hatte. Galina stand neben dem Bett und hielt ihre Hände ineinander verschränkt. Die kleine Messingglocke an Marias Schlüsselbund klirrte, als sie einen Schritt zurückging.
Viktor Malzew kam ebenfalls ins Zimmer. Er hatte offenbar versucht, schneller zu sein als die Polizei.
— Mein Mandant ist schwer krank — sagte er. — Niemand darf ihn ohne gerichtliche Anordnung befragen.
— Ihr Mandant? — fragte ich. — Oder meine Frau?
Viktor sah zu Oksana.
Sie sah weg.
Der ältere Polizist nahm die Tabletten, die Aufnahme und den Laborbericht an sich. Dann bat er mich, die Ereignisse der vergangenen achtzehn Tage zu schildern.
Ich erzählte alles.
Die Suppe.
Die beiden weißen Tabletten.
Die gefälschte Aufnahme.
Den Mann im schwarzen Mantel.
Oksana unterbrach mich immer wieder.
— Er ist nicht zurechnungsfähig.
— Er fantasiert wegen der Medikamente.
— Maria hat ihn beeinflusst.
Doch jedes Mal spielte Maria einen neuen Ausschnitt ab. Die Kamera in der Messingglocke hatte Galinas Stimme aufgenommen, Oksanas Befehle, Viktors Drohung und sogar das Geräusch, mit dem Galina die Tabletten in ein anderes Fläschchen geschüttet hatte.
Der Polizist legte den Kopf schief.
— Frau Kowalenko, möchten Sie Ihre Aussage ändern?
Oksana sah ihn an.
— Ich habe nichts zu sagen.
— Das ist Ihr gutes Recht.
Er nahm ihr das Telefon ab.
In diesem Augenblick erkannte ich, dass die Kontrolle, an der sie sich so verzweifelt festgehalten hatte, endgültig verschwunden war.
Am nächsten Morgen lag ich in einem Krankenhauszimmer. Die Wände waren hellgrün, neben meinem Bett stand ein Metallwagen, und die Luft roch nach Desinfektionsmittel und frisch gewaschener Baumwolle.
Die Ärzte stellten die Behandlung um. Nach drei Tagen konnte ich ohne Hilfe sitzen. Nach einer Woche ging ich zum ersten Mal bis zum Fenster.
Mein Körper erholte sich langsam.
Die Ermittlungen dagegen gingen schnell.
Oksana hatte in den Monaten vor meiner Krankheit Geld aus der Firma abgezogen. Sie hatte mehrere Überweisungen über eine Beratungsfirma laufen lassen, die Viktor gehörte. Außerdem hatte sie heimlich versucht, meine Anteile auf eine Stiftung zu übertragen, deren einzige Begünstigte sie selbst war.
Das Schließfach im alten Büro enthielt die fehlende Hälfte der Wahrheit.
Dort lagen die Originale meiner Geschäftsunterlagen, ein USB-Stick mit Sicherheitskopien und ein handgeschriebener Brief meines Vaters.
Mein Vater hatte das Schließfach kurz vor seinem Tod eingerichtet. Er hatte befürchtet, dass Oksana mich wegen meiner Firma unter Druck setzen würde. Damals hatte ich den Verdacht für übertriebene Vorsicht gehalten.
Im Brief stand nur ein Satz, der mir den Atem nahm: „Wenn du diesen Umschlag öffnest, hast du vermutlich zu lange geglaubt, dass Liebe beweist, wer ein Mensch ist.“
Der USB-Stick enthielt Videoaufnahmen aus dem alten Büro. Oksana war darauf zu sehen, wie sie mit Viktor über mein Testament sprach.
Nicht über meinen Tod.
Über den Zeitpunkt danach.
Sie sprachen darüber, wie sie meine Krankheit erklären und meinen Sohn dazu bringen wollten, sie zu unterstützen. Mein Sohn lebte seit Jahren bei seiner Mutter in einer anderen Stadt, weil Oksana behauptet hatte, mein Beruf lasse mir keine Zeit für ihn.
Als ich die Aufnahme zum ersten Mal sah, musste ich den Bildschirm ausschalten.
Nicht weil ich überrascht war.
Sondern weil ich ihre Stimme hörte und gleichzeitig all die Abende erinnerte, an denen ich sie für erschöpft gehalten hatte.
Einige Tage später musste Oksana im Vernehmungsraum ihre eigenen Worte anhören.
Sie saß mir gegenüber. Zwischen uns stand ein Tisch mit einer Plastikflasche Wasser und einem Aufnahmegerät.
Der Ermittler drückte auf die Wiedergabe.
Oksanas Stimme erklang:
— Er muss unterschreiben, solange er noch bei Bewusstsein ist.
Dann Galinas Stimme:
— Und wenn er nicht unterschreibt?
— Dann wird er eben nicht mehr lange bei Bewusstsein sein.
Oksana schloss die Augen.
Ich beobachtete ihr Gesicht. Zum ersten Mal hörte sie sich selbst von außen. Nicht als Ehefrau. Nicht als Frau, die angeblich alles für die Familie tat.
Nur als die Person, die diese Worte gesagt hatte.
— Das ist aus dem Zusammenhang gerissen — flüsterte sie.
— Welcher Zusammenhang würde das besser machen? — fragte ich.
Sie antwortete nicht.
Der Ermittler sagte, dass die Staatsanwaltschaft Anklage wegen versuchten Mordes, Urkundenfälschung und schwerer Untreue erheben würde. Galina erhielt eine geringere Anklage, weil sie aussagte und die Beschaffung der Tabletten bestätigte. Viktor verlor seine Zulassung und wurde ebenfalls angeklagt.
Ich empfand keine Freude.
Nur eine tiefe Müdigkeit.
Nicht wegen meiner Krankheit.
Wegen der Jahre, in denen ich geglaubt hatte, alles beschützen zu müssen, was meinen Namen trug.
Als ich nach Hause zurückkehrte, war das Haus größer als zuvor.
Nicht schöner.
Nur leerer.
Oksanas Kleider waren aus dem Schlafzimmer entfernt worden. Ihr Parfüm stand nicht mehr im Bad. Auf der Kommode lag noch ein einzelnes Foto von unserer Hochzeit, das jemand beim Ausräumen übersehen hatte.
Ich nahm es nicht mit.
Im Arbeitszimmer öffnete ich die Schublade, in der ich das karierte Taschentuch aufbewahrt hatte. Es war noch da. Darin lagen die beiden letzten Tabletten.
Ich wollte sie sofort wegwerfen.
Dann ließ ich es bleiben.
Nicht als Erinnerung an Oksana, sondern als Erinnerung an den Moment, in dem ich aufgehört hatte, meine eigene Schwäche zu verleugnen.
Drei Monate später lebte ich in einer kleineren Wohnung in Lemberg. Das Haus hatte ich verkauft. Nicht weil ich es hasste, sondern weil jeder Flur dort eine Stimme bewahrte, die ich nicht mehr hören wollte.
Ich arbeitete wieder.
Zuerst nur zwei Stunden am Tag. Später vier. Ich überließ die Leitung der Firma einem neuen Vorstand und unterschrieb nichts mehr, ohne es zweimal zu lesen.
Maria arbeitete nicht länger als Hausangestellte. Ich finanzierte ihr eine Ausbildung zur Pflegeassistentin, aber sie bestand darauf, die Gebühren in Raten zurückzuzahlen.
— Sie schulden mir nichts — sagte ich.
— Dann lassen Sie mich wenigstens so tun, als wäre ich stolz darauf, es selbst zu schaffen.
Timko besuchte mich jeden Samstag.
Er stellte seine grüne Strickmütze immer auf denselben Stuhl, obwohl sie längst zu klein geworden war. Eines Nachmittags brachte er ein Bild mit.
Darauf stand ein Mann an einem Fenster. Neben ihm ein kleiner Junge, eine Frau mit dunklem Haar und eine gelbe Sonne, die fast das ganze Blatt ausfüllte.
— Das sind wir — sagte Timko.
— Und warum ist die Sonne so groß?
— Damit es im Haus nicht wieder dunkel wird.
Ich musste mich wegdrehen.
Nicht, weil ich weinen wollte.
Sondern weil ich es tat.
Im Dezember fiel der erste Schnee. Ich stand morgens am Fenster, kochte Kaffee und hörte, wie die Heizungsrohre leise knackten. Früher hätte ich um diese Zeit bereits drei Anrufe angenommen. Jetzt ließ ich das Telefon klingeln, wenn ich noch im Schlafanzug war.
An einem Sonntag kam eine Nachricht von Oksana.
„Ich habe Fehler gemacht. Bitte komm zur Verhandlung. Ich muss mit dir allein sprechen. Wir waren doch einmal eine Familie.“
Ich las sie zweimal.
Dann schrieb ich nur: „Ich werde dort sein, aber nicht allein mit dir sprechen.“
Sie antwortete sofort.
„Du kannst mich nicht für immer bestrafen.“
Ich legte das Telefon auf den Tisch.
Ich wollte sie nicht bestrafen.
Ich wollte nur nicht länger verhindern, dass sie die Folgen ihrer Entscheidungen spürte.
Am Abend kam Maria mit Timko vorbei. Während sie in der Küche Tee machte, holte der Junge seine grüne Mütze vom Stuhl und setzte sie mir auf den Kopf.
— Sie ist jetzt zu klein für mich — sagte er.
— Für mich auch.
— Dann müssen wir eine größere kaufen.
Wir lachten beide.
Später ging ich allein durch den Flur. Auf dem kleinen Tisch lag das karierte Taschentuch. Ich nahm es, öffnete das Fenster und schüttete die letzten Tabletten in den Schnee.
Sie sanken lautlos zwischen die weißen Flocken.
Ich band das Tuch zusammen und legte es in eine Schublade, in der nichts Gefährliches mehr lag.
Draußen hielt Timko Marias Hand. Die Messingglocke an ihrem Schlüsselbund klirrte leise, als sie die Treppe hinuntergingen.
Zum ersten Mal klang dieses Geräusch nicht wie eine Warnung.
Es klang wie ein Weg nach Hause.
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