TEIL 4
Denn wenn er dort zuerst ankommt, ist die nächste Wahrheit vielleicht nicht mehr auf Papier.
Wir fuhren in zwei Wagen zum Büro.
Es war kurz nach acht Uhr abends. Regen schlug gegen die Windschutzscheibe, und die Straßen glänzten im gelben Licht der Laternen. Andreas fuhr vor uns, viel zu schnell. Zweimal überfuhr er beinahe eine rote Ampel.
— Er versucht, die Unterlagen zu vernichten, sagte Martin.
— Dann findet er dort nichts, was er nicht schon selbst erzählt hat.
Ich hatte die Aufnahmen nicht nur auf meinem Telefon. Seit Wochen lagen sie bei Martin, bei der Wirtschaftsprüferin und in einem Schließfach der Bank.
Andreas wusste das nicht.
Das Büro lag im zweiten Stock eines alten Backsteingebäudes. Als wir ankamen, brannte im Flur Licht. Andreas hatte den Schlüssel.
Er riss die Tür auf und verschwand im Archiv.
— Bleiben Sie hinter mir, sagte Martin.
— Nein. Ich gehe mit.
Im Archiv roch es nach Papier, Staub und dem bitteren Toner aus dem Drucker. Andreas stand vor dem Aktenschrank. Eine Schublade war bereits herausgerissen. Auf dem Boden lagen Rechnungen, Ordner und eine geöffnete Flasche Wasser.
— Wo sind die Originalverträge? fragte er.
— Das wollte ich dich fragen, sagte ich.
Er fuhr herum.
— Du hast alles zerstört.
— Nein. Du hast nur aufgehört, es zu verstecken.
— Ich habe für uns gearbeitet!
— Du hast gegen mich gearbeitet.
Er trat näher. Zum ersten Mal an diesem Abend war keine Arroganz mehr in seinem Gesicht. Nur Angst.
— Rita, hör mir zu. Nadja hat mich unter Druck gesetzt.
— Du hast die Überweisungen getätigt.
— Sie wusste von den Schulden.
— Du hast meine Unterschrift gefälscht.
— Ich wollte alles zurückzahlen.
— Wann?
Er hatte keine Antwort.
Martin stellte sein Aufnahmegerät auf den Tisch.
— Herr Keller, wiederholen Sie Ihre Aussagen nicht. Sie werden gerade dokumentiert.
Andreas sah das Gerät an.
— Sie nehmen mich auf?
— Nach dem, was wir heute gehört haben, wäre es fahrlässig, das nicht zu tun.
Da öffnete sich die Eingangstür. Zwei Beamtinnen und ein Beamter kamen herein. Die jüngere Beamtin hielt einen richterlichen Beschluss in der Hand.
Andreas wich zurück.
— Das ist nicht nötig.
— Das entscheiden nicht Sie, sagte sie.
— Ich bin der Geschäftsführer.
— Nein, sagte ich. — Das warst du nie.
Er sah mich an. Dieser Satz traf ihn stärker als jede Anschuldigung.
Die Beamtin las den Beschluss vor. Durchsuchung der Geschäftsräume, Sicherstellung der Unterlagen, Prüfung der Konten. Andreas hörte nur mit halbem Ohr zu. Sein Blick wanderte zu dem Schreibtisch, an dem er jahrelang gesessen und sich für unantastbar gehalten hatte.
— Rita, sagte er leise, — bitte sag ihnen, dass das ein Missverständnis ist.
Ich dachte an die Nacht, in der ich seine gefälschte Unterschrift unter der Schreibtischlampe verglichen hatte. An meinen zitternden Händen. An die sieben Jahre, in denen ich seine Fehler hinter ihm weggeräumt hatte.
— Es ist kein Missverständnis, sagte ich. — Es ist deine Entscheidung.
Die Beamtin nahm ihm den Schlüsselbund ab.
Andreas’ Telefon klingelte. Nadja.
Er ging ran, ohne die anderen anzusehen.
— Wo bist du? fragte sie.
— Im Büro.
— Die Bank hat mich angerufen. Mein Konto ist gesperrt.
— Ich kümmere mich darum.
— Nein, tust du nicht. Du hast mir versprochen, dass Rita nichts beweisen kann.
Andreas schloss die Augen.
Die Beamtin drückte auf die Freisprechtaste. Seine eigene Stimme war nun für alle hörbar.
— Rita unterschreibt, ohne zu lesen. Danach ist die Firma praktisch unsere.
Nadja schwieg.
Dann flüsterte sie:
— Das hast du gesagt?
Andreas öffnete die Augen. Er hörte sich selbst, aber diesmal konnte er nicht so tun, als stamme die Stimme von jemand anderem. Sein Mund bewegte sich, doch kein Wort kam heraus.
— Nadja, sagte er schließlich, — ich kann das erklären.
— Nein, sagte sie. — Zum ersten Mal kannst du es nicht.
Sie legte auf.
Am nächsten Morgen rief sein Anwalt mich an.
— Frau Keller, er möchte eine Vereinbarung treffen.
— Welche?
— Er verzichtet auf seinen Anteil an der Wohnung und auf alle Ansprüche gegen die Firma. Dafür sollen Sie die Anzeige zurücknehmen.
Ich sah auf den Küchentisch. Dort lag der kleine Messingschlüssel von seiner Sporttasche. Ich hatte ihn am Vorabend aus dem losgerissenen Anhänger genommen und neben meine Tasse gelegt.
— Sagen Sie ihm, dass ich nichts zurücknehme.
— Sie sollten darüber nachdenken.
— Das habe ich sieben Jahre lang getan.
Am Nachmittag kam Andreas noch einmal in die Wohnung. Eine Beamtin hatte ihm erlaubt, persönliche Dinge zu holen. Er ging durch die Räume, als wäre er in einem Museum seines eigenen Lebens.
Im Schlafzimmer war die rechte Schrankhälfte leer. Dort hatten seine Hemden gehangen, nach Farben geordnet. Die Kleiderbügel bewegten sich noch leicht, obwohl kein Fenster geöffnet war.
Auf dem oberen Regal lag ein einzelnes Foto. Wir standen darauf vor dem Standesamt, jünger, müde und glücklich. Andreas hatte den Arm um meine Schulter gelegt. Ich hielt den kleinen Messingschlüssel in der Hand, weil ich damals die neue Wohnung aufgeschlossen hatte.
Er nahm das Bild.
— Du behältst es nicht?
— Nein.
— Warum?
— Weil ich mich nicht an dieses Bild erinnern muss, um zu wissen, wer ich war.
Er legte es zurück.
In der Küche blieb er vor dem Spiegel stehen. Zum ersten Mal trug er keine von mir vorbereitete Kleidung. Sein Hemd war zerknittert, die Rasur ungleichmäßig, und an seinem Schuh klebte nasser Sand.
— Ich weiß nicht, wohin ich gehen soll, sagte er.
— Das musst du jetzt selbst herausfinden.
— Nadja ist weg.
— Das war ihre Entscheidung.
— Und du lässt mich einfach gehen?
Ich sah ihn an.
— Du bist vor mir gegangen, Andreas. Ich lasse dich nur nicht mehr zurückkommen, um dich erneut zu retten.
Er nahm die Tasche. Der gerissene Reißverschluss stand offen. Der Anhänger fehlte.
Ohne den kleinen Messingschlüssel sah die Tasche plötzlich aus wie das, was sie immer gewesen war: ein Gegenstand, den man zu lange repariert hatte.
Er ging.
Drei Wochen später unterschrieb ich die neuen Unterlagen für die Firma. Die Bank gab das eingefrorene Geld teilweise frei, die Ermittlungen liefen weiter, und die Wohnung blieb mir. Ich stellte eine Buchhalterin ein, die jede Zahl zweimal prüfte und niemals sagte: „Das erledigen wir später.“
Ich zog nach Freiburg, in eine kleinere Wohnung mit großen Fenstern. Morgens ging ich zu Fuß zur Arbeit. Ich kaufte frisches Brot, stellte die Schuhe ordentlich nebeneinander und ließ die Wäsche manchmal ungeordnet im Korb liegen.
Es fühlte sich zunächst falsch an.
Dann fühlte es sich frei an.
Johanna besuchte mich an einem Sonntag. Sie brachte Kuchen mit und ihren sechsjährigen Sohn Emil. Er setzte sich an meinen Küchentisch und malte mit grünen und gelben Stiften ein Haus.
— Das bist du, sagte er.
— Wo ist die Tür?
— Hier.
— Und wer wohnt darin?
Emil dachte nach.
— Du. Und Menschen, die nicht lügen.
Johanna sah mich an. Ich lächelte, obwohl mir die Augen brannten.
— Kinder merken mehr, als Erwachsene glauben, sagte sie.
— Erwachsene wissen mehr, als sie sich eingestehen wollen.
Im Dezember fiel der erste Schnee. Ich stand am Fenster und sah zu, wie die Flocken auf den Fahrradsätteln liegen blieben. Auf meinem Schreibtisch lag der kleine Messingschlüssel. Ich hatte ihn an einen neuen Anhänger befestigt, einen schlichten roten Holzstern, den Emil mir geschenkt hatte.
Er war nicht mehr an Andreas’ Tasche.
Er gehörte jetzt mir.
Kurz vor Weihnachten kam eine Nachricht von Andreas. Keine Entschuldigung. Keine Erklärung. Nur ein Satz:
„Wenn du mich noch liebst, gib uns eine letzte Chance.“
Ich las ihn zweimal.
Dann schrieb ich:
„Ich liebe nicht mehr die Frau, die ich neben dir geworden bin. Komm nicht zurück.“
Ich löschte die Nachricht nicht sofort. Ich ließ sie eine Minute stehen, damit die Worte dort bleiben konnten, wo sie hingehörten.
Danach legte ich das Telefon weg und nahm den Schlüssel in die Hand.
Am nächsten Morgen schloss ich damit die Tür zu meinem Büro auf. Drinnen roch es nach Kaffee, Papier und frischer Farbe. Auf dem Tisch lag Emils Hauszeichnung. Er hatte noch einen zweiten Raum dazugemalt.
— Für wen ist der? fragte ich später am Telefon.
— Für dich, sagte Emil. — Falls du irgendwann jemanden hineinlassen willst.
Ich sah auf den roten Holzstern am kleinen Messingschlüssel.
— Dann soll die Tür aber von innen aufgehen.
Ich hängte den Schlüssel neben die Lampe, wo jeden Morgen das erste Licht darauf fiel.
Und zum ersten Mal musste ich keine Tür mehr für jemanden offen halten.
Missed the beginning?













