
Als ich am Samstagabend auf dem Küchenboden zusammenbrach, sagte mein Verlobter dem Notarzt, ich hätte seit Wochen davon gesprochen, mir das Leben zu nehmen.
Ich konnte nicht antworten. Meine Zunge fühlte sich taub an, mein Herz raste, und über mir verschwamm das Gesicht von Daniel zwischen den weißen Lampen. In meiner rechten Hand steckte noch der kleine Messingchip aus der alten Straßenbahn, den ich seit meiner Kindheit bei mir trug. Meine Großmutter hatte ihn mir gegeben und gesagt: „Wenn du Angst hast, halt dich an etwas fest, das dich nach Hause bringt.“
Daniel kniete neben mir.
– Sie nimmt ihre Medikamente nicht regelmäßig, sagte er. – Sie ist emotional instabil.
– Welche Medikamente? fragte die Notärztin.
Daniel sah kurz zu meiner Schwester Eva.
– Beruhigungsmittel. Ich weiß den Namen gerade nicht.
Das war die erste Lüge.
Um 22.18 Uhr wurde ich in die Notaufnahme des St.-Marien-Krankenhauses gebracht. Der Geruch nach Desinfektionsmittel brannte in meiner Nase. Eine Krankenschwester schnitt meine Bluse auf, klebte Elektroden auf meine Brust und fragte immer wieder, ob ich sie hören konnte.
– Mein Verlobter… murmelte ich.
– Er wartet draußen, sagte sie. – Sie müssen jetzt ruhig bleiben.
Ich wollte sagen, dass ich nicht wegen Daniel Angst hatte. Ich hatte Angst vor dem Glas mit Zitronenwasser, das er mir beim Abendessen gereicht hatte. Vor dem bitteren Nachgeschmack. Vor Eva, die kurz zuvor meine Hand gedrückt und geflüstert hatte: „Heute unterschreibst du endlich.“
Dann wurde alles schwarz.
Am Sonntagmorgen wachte ich auf der Intensivstation auf. An meinem Handgelenk klebte ein Plastikband, daneben hing ein Tropf. Daniel saß am Fenster, geschniegelt, mit meinem Verlobungsring in seiner geschlossenen Faust.
– Warum hast du den Ring? fragte ich heiser.
– Weil wir eine Pause brauchen.
– Du hast den Notarzt angelogen.
Sein Gesicht veränderte sich kaum.
– Du warst nicht bei dir.
– Ich habe jedes Wort gehört.
Er stand auf und beugte sich zu mir.
– Wenn du vernünftig bist, unterschreibst du die Vollmacht. Eva bringt die Unterlagen später. Damit wir deine Wohnung und das Konto schützen können.
Ich lachte, aber es wurde ein Husten. Meine Rippen schmerzten bei jedem Atemzug.
– Warum sollte ich dir eine Vollmacht geben?
– Weil du fast gestorben bist.
In diesem Moment öffnete sich die Tür. Dr. Weber kam herein, eine Mappe unter dem Arm. Seine Finger trommelten nervös gegen den Kunststoffrand.
– Frau Keller, sagte er, – wir haben in Ihrem Blut etwas gefunden, das nicht zu Ihrer Krankengeschichte passt.
Daniel wurde blass.
– Das ist unmöglich.
Der Arzt sah nicht ihn an, sondern mich.
– Wir müssen wissen, wer Ihnen gestern das Getränk gebracht hat.
Hinter Daniel tauchte Eva im Türrahmen auf. Sie trug den cremefarbenen Mantel meiner Mutter und hielt eine schwarze Ledermappe an die Brust gedrückt.
– Ich habe die Unterlagen dabei, sagte sie leise.
Daniel drehte sich zu ihr um.
– Nicht jetzt.
Eva griff nach dem Verschluss. Ich sah, wie ihre Hand zitterte. Dann sagte Dr. Weber: „Bevor Sie irgendetwas unterschreiben, muss ich Ihnen zeigen, was auf der Überwachungskamera zu sehen ist.“ Er legte seine Hand auf die Mappe und öffnete sie…
TEIL 2
…und zog statt eines Formulars einen kleinen durchsichtigen Beutel heraus. Darin lag ein Plastikdeckel mit winzigen roten Flecken.
Ich kannte ihn sofort. Er gehörte zu Daniels Thermobecher.
– Woher haben Sie den? fragte ich.
– Eine Reinigungskraft hat ihn heute früh im Abfall gefunden, sagte Dr. Weber. – Wir haben die Gegenstände aus Ihrer Küche an die Polizei übergeben.
Daniel trat einen Schritt vor.
– Das ist lächerlich. Jeder kann den Deckel dort hineingelegt haben.
– Sie dürfen hier nicht so laut werden, sagte die Krankenschwester.
– Das ist meine Verlobte!
– Und sie ist eine Patientin, keine Angeklagte, erwiderte Dr. Weber.
Mir wurde kalt, obwohl die Decke bis zum Kinn reichte. Der Messingchip lag auf dem Nachttisch. Ich schloss die Finger darum und spürte die abgeriebene Kante. Zuhause hatte Daniel immer behauptet, ich sei paranoid, wenn ich meine Sachen nicht aus den Augen ließ.
Um 10.40 Uhr kam Polizeikommissarin Brandt in mein Zimmer. Sie trug nasse Schuhe, weil draußen ein heftiger Regen begonnen hatte.
– Frau Keller, erinnern Sie sich an den Abend?
– An alles bis zum Getränk.
– Ihre Schwester sagt, Sie hätten sich selbst etwas angetan.
Ich starrte zur Tür.
– Eva war dabei.
– Sie sagt, Sie seien seit der Kündigung Ihrer Mutter völlig verzweifelt gewesen.
– Meine Mutter ist vor drei Jahren gestorben.
Kommissarin Brandt schrieb etwas auf. Der Bleistift brach dabei an der Spitze.
– Ihr Verlobter behauptet, Sie hätten ihm vor zwei Wochen eine Nachricht geschickt. Darin hätten Sie angekündigt, dass Sie alles beenden wollen.
– Ich habe keine solche Nachricht geschrieben.
Daniel stand am Fußende des Bettes.
– Mara, bitte. Du musst nicht noch mehr Aufmerksamkeit erzeugen.
– Geh hinaus.
– Du weißt nicht, was du sagst.
– Ich weiß genau, was ich sage.
Zum ersten Mal sah ich Angst in seinen Augen.
Am Nachmittag kam die Krankenhauspsychologin. Sie stellte keine Fragen über Selbstmord, sondern über mein Konto, meine Wohnung und die Firma meiner Mutter. Meine Mutter hatte eine kleine Bäckereikette besessen. Nach ihrem Tod war ich alleinige Eigentümerin geworden, doch Daniel kümmerte sich seit Monaten um die Verwaltung.
– Hat er Zugriff auf Ihre Geschäftskonten? fragte die Psychologin.
– Nur mit meiner Unterschrift.
– Und wo befindet sich diese Unterschrift?
Ich dachte an die schwarze Mappe.
Am Abend rief Eva an. Ihre Stimme klang gepresst.
– Mara, unterschreib die Vollmacht, dann ist alles vorbei.
– Was habt ihr vor?
– Wir wollen dich schützen.
– Vor wem?
Sie schwieg so lange, dass ich ihren Atem hörte.
– Daniel sagt, du wirst dich sonst selbst ruinieren.
– Daniel sagt sehr viel.
– Er hat Beweise.
– Dann soll er sie zeigen.
In der Nacht fand die Krankenschwester unter meinem Kopfkissen einen gefalteten Zettel. Keine Unterschrift. Nur ein Satz: „Vertraue keinem, der behauptet, die Kamera sei ausgefallen.“
Ich las ihn dreimal.
Am nächsten Morgen brachte Kommissarin Brandt einen Laptop. Sie stellte ihn auf den rollbaren Tisch, schloss die Tür und sah mich ernst an.
– Die Aufzeichnung beginnt um 21.47 Uhr, sagte sie. – Aber wir zeigen Ihnen zuerst etwas anderes.
Sie drückte auf eine Datei. Daniels Stimme erfüllte das Zimmer.
„Wenn sie bewusstlos ist, unterschreibt Eva. Und wenn sie aufwacht, erzählen wir ihr, sie habe es selbst gewollt.“
Ich hörte mein eigenes Blut rauschen.
– Woher stammt diese Aufnahme? fragte ich.
Brandt legte den Messingchip neben den Laptop.
– Das wissen wir noch nicht. Aber auf dem Chip befindet sich eine versteckte Speicherkarte. Und darauf beginnt eine zweite Aufnahme, genau sieben Minuten bevor Sie zusammengebrochen sind…
TEIL 3
…Kommissarin Brandt schob den Laptop näher zu mir. Das Bild zeigte unsere Küche, aufgenommen aus einem Winkel zwischen der Kaffeemaschine und dem Fenster.
Daniel stand am Tisch. Eva hielt die schwarze Mappe. Zwischen ihnen lag ein Glas mit Zitronenwasser.
– Du hast gesagt, es reicht eine Nacht, hörte ich Eva sagen.
– Es muss wie ein Zusammenbruch aussehen, antwortete Daniel. – Morgen unterschreibt sie alles, wenn sie wieder klar ist.
– Und wenn sie stirbt?
Daniel nahm das Glas hoch.
– Dann erbt niemand etwas, solange die Prüfung läuft. Wir brauchen sie lebend und abhängig.
Meine Finger wurden taub.
– Das ist nicht möglich, flüsterte ich.
– Die Aufnahme wurde mit dem Chip gemacht, sagte Brandt. – Ihre Großmutter hatte offenbar eine winzige Speicherkarte darin versteckt. Ein Privatdetektiv, den sie vor ihrem Tod beauftragt hatte, hat das Gerät aktiviert. Er hat die Dateien heute Nacht an uns geschickt.
Dr. Weber sah auf den Monitor.
– Im Glas war eine hohe Dosis eines verschreibungspflichtigen Herzmittels. Für einen gesunden Menschen kann das tödlich sein.
Ich dachte an Eva. An ihren Mantel. An ihre Hand auf meiner Schulter.
– Warum hat sie mitgemacht?
Brandt öffnete eine weitere Datei. Diesmal war Evas Stimme zu hören.
„Ich bekomme meinen Anteil, sobald Mara als geschäftsunfähig gilt.“
Daniel antwortete: „Du bekommst mehr als einen Anteil. Du bekommst ihre Wohnung. Aber nur, wenn du jetzt nicht weich wirst.“
Die Tür hinter uns öffnete sich.
Eva stand dort.
Niemand hatte sie hereinkommen hören.
– Das ist zusammengeschnitten, sagte sie sofort.
– Ihre Stimme ist auf mehreren unabhängigen Dateien zu hören, erwiderte Brandt.
– Daniel hat mich gezwungen.
– Du hast die Mappe gebracht, sagte ich.
Eva begann zu weinen.
– Ich hatte Schulden.
– Und deshalb wolltest du, dass ich sterbe?
Sie sank auf den Stuhl. Der cremefarbene Mantel rutschte von ihrer Schulter, und darunter kam ein schwarzer Pullover zum Vorschein, an dessen Ärmel noch Mehl klebte. Plötzlich erinnerte ich mich: Eva hatte an diesem Abend behauptet, sie sei erst kurz vor dem Essen aus der Bäckerei gekommen. Die Aufnahme zeigte sie jedoch seit einer Stunde in meiner Küche.
Daniel schlug mit der Hand gegen den Tisch.
– Ihr könnt das nicht beweisen. Die Kamera war nicht angeschlossen.
– Die Kamera nicht, sagte Brandt. – Der Rauchmelder schon.
Sie zeigte auf die Datei mit dem Zeitstempel.
Daniel wurde vollkommen still.
Dr. Weber legte mir ein Formular hin.
– Die Polizei beantragt Schutzmaßnahmen. Ihre Vollmacht wird nicht gültig, solange Sie nicht freiwillig unterschreiben.
– Ich unterschreibe nichts, sagte ich.
– Das ist Ihr gutes Recht.
Brandt nahm Daniel das Telefon ab, als er es aus der Tasche ziehen wollte.
– Sie bleiben hier, bis die Staatsanwaltschaft entscheidet.
– Mara, sagte er, – hör mir zu. Ich habe dich geliebt.
– Liebe klingt nicht so.
Brandt startete die letzte Aufnahme. Daniels eigene Stimme kam aus den Lautsprechern, klar und kalt:
„Wenn sie aufwacht, wird sie sich selbst nicht mehr trauen.“
Er hörte den Satz bis zum Ende. Dann setzte er sich.
Um 18.05 Uhr erhielt Brandt einen Anruf. Ihr Gesicht veränderte sich.
– Frau Keller, sagte sie, – wir haben ein weiteres Problem. Jemand versucht gerade, die Bäckereifirma zu verkaufen. Und die Käuferin sitzt bereits im Gebäude der Notarin…
Als er seine eigene Stimme hörte, wurde es plötzlich still…
Ich dachte, die Wahrheit würde mich retten.
Aber erst danach musste ich lernen, ohne Angst zu leben.
„Ich wollte dich nicht töten.“
Da verstand ich, dass eine Antwort nicht immer nötig ist.
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