Ich blieb trotz ihrer Warnung über Nacht, doch als ein Fremder an die Tür hämmerte, wurde Emma kreidebleich

Ein fremder Mann hämmerte gegen Emmas Haustür, während sie sich schützend vor mich stellte und mit zitternden Fingern das Licht im Flur ausschaltete.

„Alex, geh nach oben“, flüsterte sie. „Sofort.“

Draußen peitschte der Regen gegen die Fenster, als wollte er das ganze Haus aus den Angeln reißen. Ein Blitz tauchte Emmas Gesicht in kaltes Weiß. Zum ersten Mal, seit ich sie kannte, sah ich keine ruhige Teamleiterin vor mir, sondern eine Frau, die mit aller Kraft versuchte, nicht in Panik zu geraten.

„Wer ist das?“, fragte ich.

„Niemand, mit dem du sprechen solltest.“

„Er kennt deinen Namen.“

„Ich weiß.“

Drei weitere Schläge trafen die Tür. Der Messinggriff vibrierte. Neben mir tickte eine kleine Küchenuhr, viel zu laut in der Stille zwischen den Donnerschlägen.

Noch zwei Stunden zuvor hatte Emma mir auf ihrer Couch einen Platz zum Schlafen angeboten. Der Sturm hatte die Straßen überflutet, mein Wagen stand mehrere Blocks entfernt, und ich hatte endlich ausgesprochen, was ich drei Jahre lang verschwiegen hatte: dass sie für mich längst mehr war als meine Vorgesetzte und beste Freundin.

Sie hatte mich angesehen und gesagt: „Nein. Für mich ist es auch nicht nur Freundschaft.“

Dann hatte ihr Telefon geklingelt.

Jetzt stand derselbe Mensch, der mir jeden Morgen mit nüchterner Geduld schwierige Programmfehler erklärte, barfuß im dunklen Flur und hielt ein schweres gusseisernes Kerzenständer in der Hand.

„Emma“, sagte der Mann vor der Tür. „Mach auf. Du weißt, dass Weglaufen nichts ändert.“

Mein Magen zog sich zusammen. „Was meint er damit?“

„Bitte stell keine Fragen, bis du oben bist.“

„Nein.“

Sie sah mich scharf an. „Alex, das ist kein romantischer Moment. Wenn du hierbleibst, bringe ich dich in Gefahr.“

„Dann erklär mir, welche Gefahr.“

„Nicht jetzt.“

Ich dachte an ihre trockene Stimme im Büro, an die Müsliriegel neben meiner Tastatur, an die Art, wie sie jeden Fehler zuerst selbst übernahm, bevor sie jemand anderem die Schuld gab. Emma hatte mich nie um Hilfe gebeten. Nicht wirklich.

Der Mann schlug erneut gegen die Tür.

„Ich weiß, dass der neue Entwickler bei dir ist“, rief er. „Schick ihn heraus, Emma.“

Mir wurde kalt, obwohl die Heizung dröhnte.

„Woher kennt er mich?“, fragte ich.

Emma schloss für einen Moment die Augen. Dann zog sie ein schmales Notizbuch aus der Schublade unter der Treppe. Der dunkelrote Einband war an den Ecken abgewetzt, und ein kleiner Messingverschluss glänzte im Blitzlicht.

„Wenn ich dir das zeige“, sagte sie, „kannst du nicht mehr so tun, als wäre alles normal.“

„Das habe ich heute Abend ohnehin aufgegeben.“

Ihr Blick blieb an meinem Gesicht hängen. Hinter der Tür knarrte der Boden.

„Emma“, rief der Mann. „Letzte Warnung.“

Sie legte das Notizbuch auf den Tisch, schob den Messingverschluss zurück und hob langsam den Deckel. Im selben Moment sprang draußen ein Schatten vor das Fenster, und Emma griff nach der ersten Seite…

TEIL 2

…doch bevor sie sie aufschlagen konnte, zerbarst im Wohnzimmer eine Fensterscheibe.

Emma riss mich zu Boden. Glassplitter prasselten auf den Teppich und blieben im roten Einband des Notizbuchs stecken. Ein Windstoß schleuderte Regen bis an den Kamin. Ich spürte den scharfen Schmerz eines Splitters an meiner Hand, aber Emma presste bereits ein Küchentuch darauf.

„Nicht bewegen“, sagte sie.

„Das Fenster ist eingeschlagen worden!“

„Ich weiß, Alex.“

Sie kroch zum Lichtschalter, ließ ihn aber unten. Das Haus blieb dunkel. Auf der Straße sprang ein Motor an, dann verschwanden Scheinwerfer im Regen.

„War das derselbe Mann?“, fragte ich.

„Nein.“

„Wie viele sind es?“

Emma sah mich an. „Zu viele, wenn wir hierbleiben.“

Wir liefen in die Küche. Sie nahm den Schlüsselbund vom Haken, dazu ihr Telefon und das rote Notizbuch. Ihre Finger zitterten jetzt so stark, dass sie den Haustürschlüssel zweimal fallen ließ.

„Wir gehen durch die Hintertür“, sagte sie.

„Und der Mann vorne?“

„Er wartet darauf, dass ich fliehe.“

„Dann ist das genau sein Plan.“

„Alex, bitte.“

„Du hast gesagt, ich sei in Gefahr. Ich habe ein Recht zu wissen, warum.“

Ein Schatten glitt über den Milchglasscheiben der Küchentür. Emma packte meinen Ärmel und zog mich hinter den Kühlschrank. Der Geruch von nasser Erde drang durch den Spalt unter der Tür. Sekunden später bewegte sich der Schatten weiter.

„Er heißt Noah“, flüsterte sie. „Noah Vance. Er war früher für unsere Firma tätig.“

„Als was?“

„Offiziell als Sicherheitsberater.“

„Und inoffiziell?“

„Als jemand, der Probleme verschwinden ließ.“

Mein Herz schlug gegen die Rippen. „Welche Probleme?“

Emma öffnete endlich den Messingverschluss. Zwischen den Seiten steckte ein kleiner Speicherchip in einer durchsichtigen Hülle. Daneben lagen handschriftliche Tabellen, Uhrzeiten und Namen aus unserer Abteilung.

„Vor sechs Monaten habe ich entdeckt, dass jemand unsere Entwicklungsumgebung manipuliert“, sagte sie. „Fehler wurden absichtlich eingebaut, damit Kunden teure Zusatzverträge unterschrieben. Gleichzeitig wurden Mitarbeiter überwacht, auch außerhalb des Büros.“

„Warum hast du niemandem davon erzählt?“

„Ich habe es versucht.“

„Wem?“

„Unserem Geschäftsführer. Er wusste davon.“

Donner rollte über das Dach. Ich dachte an die vielen Nächte, in denen ich Code überprüft hatte, an Warnungen, die plötzlich verschwunden waren, und an Emma, die mir immer gesagt hatte, ich solle jede Änderung zweimal sichern.

„Und was hat das mit mir zu tun?“

Sie sah auf den Chip. „Du warst der Letzte, der den betroffenen Bereich geändert hat.“

„Aber ich habe nichts manipuliert.“

„Das weiß ich.“

„Woher?“

„Weil ich die ursprünglichen Protokolle habe.“

Ein lautes Krachen erschütterte die Haustür. Noah rief jetzt nicht mehr. Er probierte das Schloss.

Emma zog mich zur Hintertür. Dahinter lag der Garten, schwarz und glänzend vom Wasser. Am Zaun flackerte eine Taschenlampe.

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„Wir müssen zum Nachbarhaus“, sagte sie.

„Und das Notizbuch?“

„Ohne es kommen wir nicht weit.“

Sie steckte es unter ihren Pullover. In diesem Moment klingelte mein Telefon. Auf dem Bildschirm stand die Nummer unseres Geschäftsführers, Victor Hale.

Ich nahm ab.

„Alex“, sagte Victor ruhig. „Emma hat dich in etwas hineingezogen, das du nicht verstehst. Komm allein zum Büro, und ich sorge dafür, dass niemand dich beschuldigt.“

Emma schüttelte heftig den Kopf.

„Woher wissen Sie, dass ich bei ihr bin?“, fragte ich.

Am anderen Ende entstand eine kurze Pause.

Dann sagte Victor: „Weil ich sehen kann, was ihr beide gerade tut.“

Die Leitung brach ab.

Emma wurde blass. Sie drehte sich zu ihrem Arbeitszimmer um, und ich bemerkte zum ersten Mal die winzige schwarze Linse in der Rauchmelderabdeckung.

„Er beobachtet das Haus“, sagte sie.

Im selben Augenblick ging im Obergeschoss das Licht an, obwohl dort niemand sein konnte. Emma schob die Hintertür auf, aber draußen stand bereits eine Gestalt im Garten.

Noah hob eine Hand und sagte: „Ihr habt genau drei Minuten, bevor die Polizei eintrifft.“

Dann deutete er auf das rote Notizbuch…

TEIL 3

…und sagte: „Wenn ihr wissen wollt, warum Victor euch beide loswerden will, schlagt die Seite mit dem Datum des letzten Freitags auf.“

Noah blieb im Regen stehen. Eine Hand hielt er sichtbar von sich, in der anderen lag kein Werkzeug, sondern eine Dienstmarke. Emma zog mich nicht mehr zur Flucht. Sie starrte nur auf das Abzeichen.

„Du arbeitest noch für ihn“, sagte sie.

„Nicht mehr.“

„Warum sollte ich dir glauben?“

„Weil ich die Kamera im Rauchmelder ausgeschaltet habe.“

Oben erlosch das Licht. Das Haus wurde still.

Wir ließen Noah durch die Hintertür herein. Er roch nach nassem Leder und kaltem Rauch. Auf seiner rechten Wange verlief eine frische Schnittwunde.

„Die Polizei kommt wirklich?“, fragte ich.

„Ja. Victor hat sie gerufen und behauptet, Emma habe vertrauliche Firmendaten gestohlen. Wenn sie das Notizbuch finden, wird sie festgenommen, bevor jemand ihre Beweise liest.“

Emma legte den roten Einband auf den Küchentisch. Ihre Hand schwebte über der markierten Seite.

„Du hast gesagt, ich soll sie öffnen“, sagte sie.

„Jetzt.“

Sie schlug das Buch auf. Unter dem Datum standen drei Spalten. In der ersten waren Uhrzeiten und Namen vermerkt. In der zweiten standen Änderungen an unserem Programm. In der dritten las ich eine Kennung, die ich sofort erkannte: meine persönliche Zugangsnummer.

„Das ist unmöglich“, sagte ich.

„Lies weiter“, antwortete Emma.

Unter meiner Kennung stand: Änderung um 23.47 Uhr. Freigegeben durch Victor Hale. Sicherung überschrieben.

Mir wurde übel. „Er hat meinen Zugang benutzt.“

„Nicht nur deinen“, sagte Emma. „Er hat dich als Verantwortlichen aufgebaut. In zwei Tagen wollte er die manipulierte Version an den größten Kunden ausliefern. Danach wäre jeder Fehler auf dich gefallen.“

!!!  PARTE 4 — Entré a la fiesta de la empresa con la mano de otro hombre entrelazada con la mía, y mi marido dejó de sonreír

Noah legte einen kleinen Rekorder neben das Buch.

„Die Aufnahme stammt aus Victors Büro“, sagte er.

Emma drückte auf die Taste. Rauschen erfüllte die Küche, dann Victors Stimme.

„Wenn Taylor unterschreibt, ist die Sache erledigt.“

Eine zweite Stimme fragte: „Und Lane?“

„Sie wird schweigen, sobald sie versteht, dass ihre Überwachungsvideos verschwinden können.“

Emma presste die Finger an die Lippen. Ich sah, wie ihre Schultern nachgaben, als hätte sie sechs Monate lang eine Last getragen, die niemand sehen durfte.

„Du hast mich deshalb gewarnt“, sagte ich.

„Ich habe versucht, dich aus allem herauszuhalten.“

„Und heute hast du mich trotzdem gebeten zu bleiben.“

Ihre Augen füllten sich mit Tränen. „Weil ich nicht noch eine Nacht allein mit der Angst verbringen wollte. Und weil ich dich liebe. Beides ist wahr.“

Ich nahm ihre Hand. Zum ersten Mal wich sie nicht zurück.

Noah blickte zum Fenster. Blaue Lichter spiegelten sich in den nassen Fliesen.

„Sie sind da“, sagte er.

Eine Stimme rief draußen: „Emma Lane! Öffnen Sie die Tür!“

Noah schob den Speicherchip in meine Hand. „Wenn sie dich fragen, sagst du nur die Wahrheit. Alles Weitere liegt bereits bei der Staatsanwaltschaft.“

„Du hast die Beweise weitergegeben?“

„Heute Abend. An drei Stellen.“

Die Haustür wurde aufgebrochen. Stiefel dröhnten über den Flur.

Emma drückte meine Hand fester. Auf meinem Telefon erschien gleichzeitig eine neue Nachricht von Victor.

Du glaubst, du hast gewonnen. Aber bevor der Morgen kommt, wird jemand von euch wegen Mordes verhaftet…

LETZTER TEIL

Am Morgen hörte ich meine eigenen Worte aus dem Lautsprecher…

Ich dachte, die Wahrheit würde uns retten. Doch zuerst musste sie alles zerstören, worauf wir vertraut hatten.
Was danach geschah, hat unsere Zukunft für immer verändert.

In diesem Moment spielte Miriam die Aufnahme erneut ab.
„Ich werde nichts mehr für Sie tragen.“
Emma drückte meine Hand, und ich verstand, dass ich endlich frei war.

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