TEIL 4
Wir brauchten seine Stimme noch einmal.
Um 6.02 Uhr versteckten Dr. Keller und Mara mich in einem alten Archivraum unter der Klinik. Zwischen Metallregalen roch es nach Staub, Desinfektionsmittel und feuchtem Beton.
Hauptkommissarin Weber kam durch den Hintereingang. Sie trug keinen Mantel, nur eine dunkle Jacke und einen Ausweis an einer Kette.
— Hat er Sie angerufen?
— Noch nicht.
— Er wird es tun. Männer wie Nico wollen nicht nur gewinnen. Sie müssen hören, dass der andere aufgibt.
Ich hielt das Telefon in der Hand.
— Und wenn er nicht kommt?
Weber sah mich ruhig an.
— Dann bringen wir ihn dazu.
Um 6.17 Uhr klingelte das Telefon.
Nicos Nummer.
Ich nahm ab.
— Wo bist du?
Seine Stimme klang beherrscht. Zu beherrscht.
— Weit genug weg.
— Du hast keine Ahnung, was du tust.
— Doch. Zum ersten Mal weiß ich es genau.
Im Hintergrund hörte ich Türen zuschlagen und Männer reden.
— Komm zurück, Norah. Wir vergessen diese Nacht.
— Du hast gesagt, du würdest meinen Namen bis Freitag vergessen.
Er schwieg.
— Das war nicht so gemeint.
— Es war das Ehrlichste, was du je gesagt hast.
Sein Atem wurde schwerer.
— Du bist schwanger. Du trägst mein Kind. Du kannst nicht einfach verschwinden.
— Ich verschwinde nicht. Ich gehe.
— Du glaubst, diese Polizisten können dich schützen?
Weber hob einen Finger. Ich sollte ihn weiterreden lassen.
— Du hast immer gesagt, Angst mache Menschen zuverlässig, sagte ich. — Gilt das auch für dich?
Nico wurde still.
Dann sagte er:
— Wenn du die Unterlagen weitergibst, wird niemand von uns sicher sein. Nicht du. Nicht das Kind. Auch Mara nicht.
Weber schrieb etwas auf einen Block.
— Hast du gerade meine Freundin bedroht?
— Ich warne dich.
— Nein, Nico. Du drohst mir.
— Du gehörst zu mir.
In diesem Moment legte Weber ihre Hand auf meine Schulter. Die Aufnahme lief.
— Komm zur alten Lagerhalle am Fluss, sagte ich. — Bring niemanden mit.
Er lachte kurz.
— Du stellst Bedingungen?
— Ja.
— In einer Stunde bist du wieder bei mir.
— Nein. In einer Stunde kommst du zu mir.
Ich legte auf.
Weber nahm mir das Telefon ab und übergab es einem Techniker, der die Verbindung sicherte.
— Das reicht, sagte sie. — Die Drohung, die Besitzansprüche und die Anweisung aus der Aufnahme. Jetzt fehlt nur noch, dass er sich selbst in die Falle fährt.
Um 7.11 Uhr verließen wir die Klinik durch einen Versorgungstunnel. Der Regen hatte aufgehört. Über dem Fluss hing Nebel, und Krähen saßen auf den Laternen.
Die alte Lagerhalle war seit Jahren geschlossen. In der Mitte stand ein verrosteter Lastenaufzug, daneben eine einzelne Lampe. Ich trug die schwarze Tasche unter dem Mantel.
Mara wollte mitkommen.
— Nein, sagte ich. — Wenn er dich sieht, benutzt er dich gegen mich.
— Dann geh nicht allein.
Weber trat neben mich.
— Sie sind nicht allein.
Nico kam um 7.38 Uhr.
Er stieg aus einem dunklen Wagen und blieb vor dem Hallentor stehen. Zum ersten Mal sah er nicht wie der Mann aus, vor dem alle anderen zurückwichen. Sein Hemd war zerknittert. Die Augen waren rot. In der rechten Hand hielt er einen kleinen Schlüsselbund.
— Norah!
Ich trat ins Licht.
— Du bist gekommen.
— Du hast unser Kind.
— Und du hast meine Unterlagen.
— Gib mir die Tasche.
— Warum?
— Weil du nicht verstehst, worauf du dich einlässt.
— Ich verstehe sehr gut, worauf ich mich einlasse. Ich rette mich und mein Kind vor einem Mann, der Menschen verschwinden lässt.
Sein Gesicht veränderte sich.
— Du hast mich belauscht.
— Ich habe dir zugehört.
Ich schaltete das Aufnahmegerät ein. Nicos eigene Stimme erklang zwischen den feuchten Wänden.
Wenn der Fahrer redet, verschwindet er. Und wenn jemand fragt, war ich die ganze Nacht hier.
Nico wurde blass.
— Das ist manipuliert.
— Dann erkläre uns, warum deine Buchführung dieselben Namen und Beträge enthält, sagte Weber und trat aus dem Schatten.
Hinter ihr erschienen mehrere Ermittler.
Nico wich zurück.
— Arthur hat euch verraten.
— Nein, sagte Weber. — Arthur hat ausgesagt, nachdem er verstanden hat, dass Sie ihn ebenfalls opfern wollten.
Nico starrte mich an.
— Du hast das alles geplant.
— Ich habe geplant, lebend herauszukommen.
Er machte einen Schritt auf mich zu.
— Norah, ich liebe dich.
Es war das erste Mal, dass er diese Worte sagte.
Sie kamen zu spät.
— Liebe klingt nicht wie eine Drohung, antwortete ich.
Weber zog die Handschellen hervor.
Nico sah die Metallringe an, als gehörten sie zu einer fremden Welt.
— Du weißt nicht, was du ohne mich bist.
— Doch. Ich weiß es endlich.
Er wurde festgenommen. Seine Männer legten die Waffen nieder, als der erste Polizeiwagen mit heulender Sirene vor der Halle hielt.
Später hörte Nico im Vernehmungsraum die Aufzeichnung vollständig. Nicht aus meiner Hand. Nicht aus dem Mund eines Feindes. Aus den Lautsprechern vor ihm.
Wenn der Fahrer redet, verschwindet er.
Nico saß hinter dem Tisch und hörte sich selbst dabei zu, wie er über Leben und Tod entschied. Seine Hände lagen flach auf der Metallplatte.
— Schalten Sie das aus, sagte er.
Der Ermittler antwortete:
— Sie haben es selbst gesagt.
Nico hob den Kopf.
— Ich sagte, schalten Sie es aus.
— Genau das ist der Punkt. Sie können es nicht mehr ungeschehen machen.
Zum ersten Mal konnte Nico seine eigene Stimme nicht einschüchtern.
In den folgenden Tagen riefen seine Anwälte mich ständig an. Einer versprach mir Geld. Ein anderer behauptete, Nico sei krank und brauche mich. Der dritte sagte, ich müsse an das ungeborene Kind denken.
Ich sagte jedes Mal dasselbe:
— Sprechen Sie mit meinem Anwalt.
Dann blockierte ich die Nummern.
Nicos Vermögen wurde eingefroren. Das Penthouse stand leer, nachdem die Ermittler es durchsucht hatten. Arthur unterschrieb eine Aussage. Luca erhielt Zeugenschutz, weil er den Lieferanteneingang und die Kameras bestätigt hatte.
Ich empfand keine Freude darüber.
Nur Ruhe.
Drei Wochen später ging ich noch einmal in das Penthouse, begleitet von Mara. Die Räume waren größer als in meiner Erinnerung. Oder vielleicht war ich endlich nicht mehr klein darin.
Im Schlafzimmer lag meine alte Reisetasche unter dem Fenster. Ein Ermittler hatte sie dort gefunden und zurückgelegt.
Auf dem Küchentresen stand noch immer das silberne Tablett. Ein Glas war gesprungen.
Ich nahm es nicht mit.
Im Bad war meine Seite des Waschbeckens leer. Keine Bürste. Keine Creme. Kein Parfüm.
Nur Staub, wo einst mein Leben gestanden hatte.
Im Kleiderschrank hing ein einzelnes Kleid, das ich vergessen hatte. Ich ließ es dort.
Mara wartete an der Tür.
— Bist du bereit?
Ich sah mich ein letztes Mal um.
— Ja.
Acht Monate später lebte ich in einer kleinen Wohnung in einer ruhigen Stadt am See. Ich arbeitete vormittags in einer Buchhandlung und lernte, dass ein Tag auch enden konnte, ohne dass irgendwo ein Schuss fiel.
Meine Tochter hieß Leni.
Sie hatte Nicos dunkle Augen und meine unruhigen Hände. Jeden Abend legte ich sie in ihr Bett, zog die Decke bis zu ihrem Kinn und hörte ihrem Atem zu.
Eines Morgens fiel der erste Schnee.
Leni saß auf dem Teppich und malte mit einem roten Wachsstift einen krummen Stern auf ein Blatt Papier.
— Mama, sagte sie, — warum ist unser Stern schief?
Ich setzte mich neben sie.
— Weil die schönsten Dinge nicht perfekt sein müssen.
— Hat Papa Sterne gemocht?
Ich hielt kurz inne.
— Ich weiß nicht, ob er wusste, wie man sie sieht.
Sie dachte darüber nach und malte weiter.
Am selben Abend kam ein Brief ohne Absender. Ich erkannte Nicos Handschrift sofort.
Norah, stand darin. Ich habe alles verloren. Aber dich kann ich noch zurückbekommen. Lass mich wenigstens Leni sehen. Ich werde ein anderer Mann sein.
Ich las den Brief zweimal.
Dann legte ich ihn in die Schublade unter dem Telefon, ohne zu antworten.
Am nächsten Morgen brachte ich ihn ungeöffnet zu meinem Anwalt.
— Willst du nichts sagen? fragte Mara.
— Doch.
Ich sah auf den Schnee vor dem Fenster.
— Sag ihm, dass wir nicht zurückkommen.
Monate später ging ich mit Leni am See entlang. Sie trug eine gelbe Mütze, die viel zu groß war, und hielt meine Hand mit beiden Händen fest.
In meiner Manteltasche lag noch immer der kleine Messingschlüssel mit dem eingravierten Stern. Er öffnete keine Tür mehr. Die alte Wohnung gab es nicht mehr, und das Schloss war längst ausgetauscht.
Trotzdem nahm ich ihn überallhin mit.
Nicht, weil ich zurückwollte.
Sondern weil er mich daran erinnerte, dass ich einmal geglaubt hatte, keine andere Tür würde sich für mich öffnen.
Leni blieb im Schnee stehen und zeigte auf den Himmel.
— Mama, da ist ein Stern.
Ich sah nach oben. Zwischen den Wolken war ein winziger heller Punkt zu sehen.
Ich schloss meine Finger um den Messingschlüssel und ging mit meiner Tochter weiter.
Hinter uns blieb nichts, zu dem wir zurückkehren mussten.
Die Tür war endlich offen.
Missed the beginning?













