
Als ich die schwere Eingangstür der Moretti-Villa erreichte, kippte mir jemand einen Eimer Eiswasser über den Kopf, und drei sechsjährige Jungen jubelten vom Balkon. Das Wasser lief mir in den Kragen, tropfte von den Wimpern und sammelte sich in meinen Schuhen. Neben mir hielt die Haushälterin Beatrice eine Hand vor den Mund.
Die drei Jungen sahen vollkommen gleich aus: schwarzes Haar, graue Augen, dieselben schmalen Gesichter. Nur ihre roten Schlafanzüge trugen kleine Unterschiede. Auf einem stand ein Fuchs, auf dem zweiten ein Wolf, auf dem dritten ein Bär.
„Zehn Punkte für den Zeitpunkt“, rief ich hinauf.
Das Lachen verstummte.
„Aber schlechte Planung. Wasser trocknet. Wenn ihr mich wirklich vertreiben wolltet, hättet ihr Schlamm nehmen müssen.“
Der Junge mit dem Fuchs beugte sich über das Geländer.
„Wer bist du?“
„Claire Donovan.“
„Wir mögen keine Claire Donovan.“
Ich wrang den Ärmel meiner Jacke aus.
„Das beruht auf Gegenseitigkeit. Ich habe noch nicht entschieden, ob ich euch drei mag.“
Beatrice stieß einen erstickten Laut aus. Hinter mir knarrte eine Tür.
„Genug.“
Die Stimme war ruhig, aber die Villa schien augenblicklich den Atem anzuhalten. Oben verschwanden die Jungen. Nicht langsam. Sie rannten davon, als hätten sie gelernt, dass dieser eine Mann keine zweite Warnung gab.
Ich drehte mich um.
Adrian Moretti stand im Flur. Achtunddreißig, groß, tadellos gekleidet, mit einem Gesicht, das in Zeitungen nie neben seinem Namen abgedruckt wurde. Man erzählte sich, er besitze Baufirmen, Nachtklubs und Frachtschiffe. Man erzählte sich außerdem, dass Männer ihre Stimme senkten, sobald sein Name fiel.
Doch in diesem Moment sah Adrian nicht gefährlich aus.
Er sah erschöpft aus.
Sein Blick fiel auf meine triefende Jacke.
„Sie sind spät.“
„Mein Fahrer wollte das Tor nicht passieren.“
„Das ist Ihr Problem.“
„Und Ihre Kinder, die Angestellte mit Eimern angreifen, sind meines?“
Beatrices Finger krallten sich in ihr weißes Taschentuch. Adrian zeigte keine Regung.
„Mein Büro.“
Ich folgte ihm, weil in meiner Handtasche eine Kündigung und ein Räumungsbescheid lagen. Vor vier Jahren war mein Mann Daniel an einem unerkannten Herzfehler gestorben. Seitdem zog ich unsere Tochter Lily allein groß. Vor drei Monaten hatte ein neuer Besitzer das Hotel übernommen, in dem ich gearbeitet hatte. Zehn Tage blieben mir, um unsere Wohnung zu retten.
Zwanzigtausend Dollar für einen Aufenthalt bis Sonntag. Kein Vorschuss, keine Ausnahme.
In seinem Büro legte Adrian meine Bewerbungsmappe auf den Tisch.
„Witwe. Eine Tochter. Sechs Jahre alt.“
„Sie haben mich überprüfen lassen?“
„Sie wollen in mein Haus.“
„Ich will Kinder betreuen.“
„Bei mir gibt es keinen Unterschied.“
Ich hätte gehen sollen. Stattdessen dachte ich an Lilys abgewetzte Turnschuhe neben der Heizung und an ihre Frage, ob wir bald wieder umziehen müssten.
Adrian schob mir den Vertrag zu.
„Sie bleiben bis Sonntag, sechs Uhr. Dann erhalten Sie das Geld. Wenn Sie vorher gehen, bekommen Sie nichts.“
„Sie erwarten also, dass ich aufgebe?“
„Ich weiß, dass Sie aufgeben werden.“
„Warum stellen Sie mich dann ein?“
Zum ersten Mal wich sein Blick aus. Über uns polterten Schritte. Dann krachte etwas so laut, dass die Fensterscheiben zitterten.
Adrian sprang auf. Ich hörte, wie oben ein Schrank umkippte.
„Bleiben Sie hier“, sagte er.
Ich zog die kleine Messingpfeife in Vogelform unter meinem Hemd hervor. Lily hatte sie mir am Morgen um den Hals gehängt und gesagt, sie bringe Glück.
Dann nahm ich die Hand von der Klinke und flüsterte:
„Nein. Wir gehen zusammen.“
Adrian sah mich an, während aus dem Obergeschoss ein Kind schrie. Er öffnete eine Schublade, zog eine schwarze Mappe heraus und legte sie auf den Tisch. Seine Hand glitt zum Verschluss, als draußen plötzlich jemand den Schlüssel im Schloss drehte…
TEIL 2
Adrian riss die Mappe an sich, bevor die Tür aufging. Ein Mann im dunklen Mantel trat ein, ohne anzuklopfen. Er hatte silbernes Haar, ein glattes Lächeln und einen goldenen Ring mit einem gekerbten Familienwappen.
„Marco“, sagte Adrian.
„Ich hörte den Lärm bis zum Tor.“ Marcos Blick wanderte über mich, über meine nasse Kleidung und blieb an der Messingpfeife hängen. „Die neue Kinderfrau?“
„Sie ist nicht deine Angelegenheit.“
„In diesem Haus ist alles meine Angelegenheit, solange du wieder Fehler machst.“
Adrians Kiefer spannte sich an. Ich spürte, wie sich meine Finger um die Pfeife schlossen. Der kleine Vogel war warm von meiner Haut, obwohl ich noch fror.
Oben fiel etwas gegen die Tür. Danach herrschte Stille.
„Die Jungen sind eingeschlossen“, sagte Marco. „Wie immer.“
„Sie sind sechs Jahre alt.“
„Sie sind unberechenbar.“
Ich sah Adrian an.
„Sie haben Angst.“
Beatrice, die inzwischen im Türrahmen stand, wurde blass. Marco lächelte nicht mehr.
„Sie sind seit vier Jahren unberechenbar“, sagte er. „Seit ihre Mutter starb.“
„Ihre Mutter ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen“, sagte Adrian scharf. „Das weiß jeder.“
„Dann sollten Sie aufhören, in der Vergangenheit zu suchen.“
Dieser Satz blieb im Raum hängen. Adrian griff nach der Mappe, doch ich stellte mich vor den Tisch.
„Was ist darin?“
„Ihr Vertrag“, antwortete er.
„Der Vertrag liegt dort.“
Marco betrachtete mich, als hätte ich gerade etwas sehr Dummes getan.
„Sie sind nicht lange hier.“
„Das haben schon andere gesagt.“
Am Nachmittag versuchte ich, mit den Jungen zu sprechen. Matteo, der Fuchs, hatte sich unter dem Flügel im Musikzimmer versteckt. Luca saß im Wintergarten hinter einer Palme. Nico stand auf dem Dach des Gartenhauses und warf Kieselsteine auf die Fenster.
„Wenn du herunterkommst, koche ich Kakao“, rief ich.
„Wir trinken keinen Kakao von Fremden!“
„Gut. Dann trinke ich ihn allein.“
Ich setzte mich auf die kalten Fliesen und blies einmal in Lilys Pfeife. Der Ton war hell und dünn, wie ein Vogelruf. Nico hörte auf zu werfen. Luca kam hinter der Palme hervor.
„Warum hast du die?“
„Meine Tochter hat sie mir gegeben.“
„Hat sie auch einen Vater?“
Die Frage traf mich, obwohl ich sie jeden Tag hörte.
„Sie hatte einen.“
„Und wo ist er?“
„Nicht hier.“
Matteo kroch unter dem Flügel hervor. In seiner Hand hielt er einen kleinen Messingschlüssel.
„Unser Vater ist auch nicht hier“, sagte er. „Nur wenn jemand schreit.“
In derselben Nacht hörte ich gegen zwei Uhr ein Kratzen hinter der Wand meines Zimmers. Die Villa roch nach Bohnerwachs und kaltem Kaminrauch. Ich nahm die Taschenlampe und folgte dem Geräusch bis zum alten Arbeitszimmer von Sofia Moretti, der verstorbenen Ehefrau.
Die Tür war verschlossen.
Als ich den Schlüssel aus Matteos Hand auf das Schloss setzte, passte er.
Hinter der Tür stand ein Schreibtisch, bedeckt mit Staub. Auf dem Boden lag eine zerbrochene Spieluhr. Im Inneren des Deckels steckte ein winziger Zettel.
Darauf standen nur sechs Wörter: Nicht Adrian. Suche unter dem roten Stern.
Ich fand den roten Stern am Teppich, direkt vor dem Kamin. Darunter war eine Metallplatte verborgen. Bevor ich sie anheben konnte, ging das Licht an.
Marco stand hinter mir.
„Sie hätten das Zimmer nicht betreten dürfen.“
„Dann hätten Sie es abschließen sollen.“
Sein Gesicht verlor jede Freundlichkeit.
„Sie wissen nicht, mit wem Sie sprechen.“
„Doch. Mit dem Mann, vor dem selbst die Kinder fliehen.“
Marco hob die Hand, aber bevor sie mein Gesicht erreichen konnte, ertönte hinter ihm Adrians Stimme.
„Nimm deine Hand herunter.“
Marco erstarrte.
Adrian trat aus dem Schatten. In seiner Hand hielt er die schwarze Mappe. Er sah nicht Marco an, sondern mich.
„Claire, wenn Sie jetzt gehen, bringe ich Sie persönlich zum Tor.“
„Und wenn ich bleibe?“
„Dann sehen Sie Dinge, die Sie nicht mehr vergessen können.“
„Ich bin nicht wegen Ihrer Geheimnisse hier.“
„Das sagen alle, bevor sie eines davon berühren.“
Ich hob die Metallplatte an. Darunter lag ein flacher Umschlag, versiegelt mit Sofias schwarzem Wachssiegel. Marco machte einen Schritt nach vorn.
Adrian stellte sich zwischen uns.
„Öffne ihn nicht“, sagte Marco.
„Warum nicht?“
„Weil deine Frau darin nicht die Wahrheit hinterlassen hat. Sie hat eine Waffe hinterlassen.“
Adrian nahm den Umschlag. Sein Daumen zitterte zum ersten Mal.
Da klingelte im Flur das Telefon. Beatrice nahm ab, lauschte und schrie plötzlich nach mir.
„Claire! Es geht um Ihre Tochter!“
Der Umschlag glitt aus Adrians Hand. Ich griff danach, während mein Herz bereits raste…
TEIL 3
Ich riss Beatrice den Hörer aus der Hand.
„Wer ist da?“
Am anderen Ende sagte eine Männerstimme meinen Namen. Sie klang ruhig, beinahe höflich.
„Lily ist sicher“, sagte der Fremde. „Aber nur, solange Sie den Umschlag nicht öffnen.“
„Wo ist meine Tochter?“
„Fragen Sie den Hausherrn.“
Die Verbindung brach ab.
Ich wirbelte zu Adrian herum. Der Umschlag lag noch immer auf dem Teppich. Das schwarze Siegel glänzte im Licht der Wandlampe.
„Wo ist Lily?“
„In ihrer Wohnung“, sagte Adrian sofort. „Beatrice, ruf den Sicherheitsdienst an. Jetzt.“
„Ich habe bereits jemanden geschickt“, sagte Marco.
„Du hast niemanden geschickt.“
„Dann fahren Sie selbst“, sagte Marco zu mir. „Wenn Sie Glück haben, ist das Kind noch dort.“
Adrian packte ihn am Kragen.
„Noch ein Wort über meine Angestellte oder ihre Tochter, und du verlässt dieses Haus nicht mehr auf eigenen Beinen.“
Ich sah zwischen ihnen hin und her. Zum ersten Mal erkannte ich nicht nur Wut in Adrians Gesicht, sondern blanke Angst.
„Öffnen Sie den Umschlag“, sagte ich.
„Claire—“
„Wenn jemand meine Tochter bedroht, will ich wissen, warum.“
Adrian kniete sich hin. Er brach das Wachssiegel mit einem silbernen Brieföffner. Darin lagen ein handgeschriebener Brief und eine kleine Speicherkarte in einer durchsichtigen Hülle.
Sofias Handschrift war schmal und eilig.
Adrian, wenn du das liest, ist etwas passiert, und Marco wird dir sagen, dass es ein Unfall war. Glaube ihm nicht. Er hat die Bremsleitung deines Wagens sabotiert. Ich habe die Jungen versteckt, weil sie gesehen haben, wie er nachts in der Garage war. Die Aufnahmen liegen auf der Speicherkarte. Schütze unsere Söhne. Und glaube keiner Person, die behauptet, sie handle in deinem Interesse.
Adrian las den Brief zweimal. Dann sank seine Hand herab.
„Das ist nicht möglich“, flüsterte er.
Marco lachte. Es war ein trockenes, hässliches Geräusch.
„Sofia war krank. Sie hat Gespenster gesehen.“
„Sie hat deinen Namen geschrieben“, sagte ich.
„Eine Frau in Angst schreibt vieles.“
Adrian steckte die Speicherkarte in den alten Computer. Das Gerät erwachte mit einem knirschenden Geräusch. Auf dem Bildschirm erschien die Überwachung der Garage, datiert auf die Nacht vor Sofias Tod.
Marco betrat das Bild. Er trug denselben Mantel wie heute. Er kniete vor Adrians Wagen, öffnete die Motorhaube und zog einen dünnen Schlauch aus der Bremsleitung. Dann blickte er direkt in die Kamera.
Die Aufnahme wechselte. Sofia stand am Rand der Garage. Neben ihr hielten die drei Jungen einander an den Händen.
„Du kannst mich nicht zum Schweigen bringen“, sagte sie auf dem Bildschirm.
Marco trat näher.
„Ich muss dich nicht zum Schweigen bringen. Ich muss nur dafür sorgen, dass Adrian glaubt, er hätte dich verloren.“
Matteo begann zu weinen. Luca hielt sich die Ohren zu. Nico rannte aus dem Bild.
Im Zimmer wurde es still.
Marco wich zurück.
„Das ist gefälscht.“
„Die Zeitmarke stammt aus Sofias Rechner“, sagte Adrian. „Und deine Stimme ist auf meiner Überwachung.“
„Du willst mir wegen eines alten Videos drohen?“
„Nein“, sagte ich. „Ich will, dass Sie beide verstehen, warum die Jungen jede Kinderfrau vertrieben haben. Sie haben nicht randaliert. Sie haben versucht, jeden Erwachsenen fernzuhalten, der Marco ins Haus bringen könnte.“
In diesem Moment erschienen die Jungen in der Tür. Matteo hielt die zerbrochene Spieluhr. Luca zitterte. Nico sah nur seinen Vater an.
„Er hat gesagt, du stirbst auch“, flüsterte Nico.
Adrian ging auf die Knie.
„Wer?“
Nico zeigte auf Marco.
Adrians Gesicht wurde grau.
Das Telefon klingelte erneut. Beatrice hob ab, hörte wenige Sekunden zu und reichte mir den Hörer.
„Die Polizei ist unterwegs“, sagte eine fremde Stimme. „Aber jemand hat gerade versucht, in Ihre Wohnung einzudringen. Ihre Tochter ist verschwunden. Die Nachbarin wurde niedergeschlagen.“
Ich ließ den Hörer nicht fallen. Ich konnte nur noch Lilys roten Rucksack vor mir sehen.
Adrian stand auf.
„Marco, was hast du getan?“
Marco lächelte nicht mehr. Er griff in seine Manteltasche, und in seiner Hand blitzte ein zweiter Schlüssel.
„Ihr habt die falsche Tür geöffnet“, sagte er, bevor er zur Hintertreppe rannte…
Dann hörte Adrian seine eigenen Worte aus dem Lautsprecher…
Ich dachte, die größte Wahrheit sei endlich ans Licht gekommen. Doch danach begann der Teil, der alles für immer veränderte.
„Das war nicht abgesprochen.“
Da verstand er, dass er sich selbst verraten hatte.
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