TEIL 4
Im Keller wurde eine zweite Aufnahme gefunden.
Sergej starrte auf sein Telefon, als könnte er den Satz durch bloßes Ansehen verschwinden lassen.
„Das ist nicht möglich“, murmelte er.
Die Beamtin nahm ihm das Gerät aus der Hand.
„Legen Sie die Hände auf den Tisch.“
„Ich muss nach Hause.“
„Nein.“
Er wollte widersprechen, doch draußen öffnete sich die Tür. Zwei Polizisten kamen herein. Einer von ihnen war älter und trug eine nasse Dienstmütze unter dem Arm. Er sah Sergej nicht an wie einen Ehemann in einem privaten Streit, sondern wie einen Mann, gegen den Beweise vorlagen.
„Herr Sergej Petrow?“, fragte er.
Sergej schwieg.
„Sie werden wegen des Verdachts auf gefährliche Körperverletzung, Bedrohung und Urkundenfälschung vorläufig festgenommen.“
Anja versteckte ihr Gesicht an meiner Schulter.
Ich hörte die Handschellen nicht sofort. Erst als Sergej sich bewegte, klirrte Metall durch den Raum.
„Katja“, sagte er.
Ich hob den Kopf.
„Sag ihnen, dass wir verheiratet sind.“
„Das weiß jeder.“
„Sag ihnen, dass du zu mir gehörst.“
Früher hätte ich genickt. Früher hätte ich mich entschuldigt, damit er nicht noch wütender wurde.
Jetzt sagte ich nur: „Ich gehöre meiner Tochter und mir.“
Sein Gesicht veränderte sich.
Nicht vor Reue.
Vor der Erkenntnis, dass ich nicht mehr rettend vor ihm stand.
Daniel führte mich mit Anja in einen Nebenraum. Die Wände waren gelb gestrichen, am Heizkörper hing ein einzelner nasser Schal. Durch die dünne Tür hörte ich Sergej schreien.
„Das ist meine Familie! Ihr habt kein Recht!“
Dann spielte jemand die zweite Aufnahme ab.
Seine Stimme wurde durch den Flur getragen, blechern und deutlich.
„Wenn sie zur Polizei geht, sorge ich dafür, dass niemand sie wiederfindet.“
Eine Pause.
Dann sagte Sergej selbst: „Und wenn sie mit dem Kind flieht, hole ich es mir zurück. Sie kann ohne mich nicht leben.“
Ich hörte diese Worte und schloss die Augen.
Es war seltsam. Ich hatte sie jahrelang gefürchtet. Nun hörte ich sie von außen und erkannte, wie leer sie waren.
Er hatte nicht gesagt, dass er mich liebte.
Er hatte gesagt, dass er mich besitzen wollte.
Später erfuhr ich, dass er die Unterschrift auf einem angeblichen Schreiben von mir gefälscht hatte. Darin sollte ich bestätigen, dass ich Anja freiwillig bei ihm lassen würde. Der zweite Datenträger und die Schriftgutachterin entlarvten ihn. Auch die alten ärztlichen Unterlagen wurden offiziell aufgenommen.
Sein Anwalt kam am Nachmittag.
Er blätterte zehn Minuten in der Akte und schloss sie wieder.
„Ich kann Sie unter diesen Umständen nicht weiter vertreten“, sagte er.
Sergej sprang auf.
„Sie werden dafür bezahlt!“
„Nicht dafür, Beweise zu vernichten.“
„Sie lassen mich alle im Stich!“
Niemand antwortete.
Im Frühjahr fand die erste Gerichtsverhandlung statt. Sergej durfte Anja nicht sehen. Die Richterin ordnete Schutzmaßnahmen an und bestätigte, dass meine Tochter bei mir bleiben würde. Später wurde Sergej wegen mehrerer Taten verurteilt. Es war kein großer, filmreifer Moment. Niemand applaudierte. Ich saß nur da und hielt Anjas Hand, während er den Saal verließ.
Vor der Tür blieb er stehen.
„Du hast alles zerstört“, sagte er.
„Nein“, antwortete ich. „Ich habe aufgehört, es für dich zusammenzuhalten.“
Danach kam die Stille.
Nicht die gefährliche Stille unseres alten Hauses, in der ich auf seinen Schlüssel im Schloss gewartet hatte. Eine andere. Eine, in der niemand plötzlich schrie.
In der ersten Nacht im Schutzhaus schlief Anja in einem Bett mit gelbem Bezug. Ich saß daneben und hielt ihren roten Wollhandschuh in der Hand. Er war noch immer voller kleiner Strohreste aus jener Novembernacht. Ich hatte ihn nie gewaschen. Vielleicht, weil ich beweisen wollte, dass wir wirklich dort gewesen waren. Vielleicht, weil er mich daran erinnerte, dass ich damals trotz meiner Angst aufgestanden war.
Wochen später zog ich mit Anja in eine kleine Wohnung am Rand der Hauptstadt. Die Küche war schmal, aber das Fenster ging zu einem Innenhof. Morgens hörte ich Straßenbahnen statt Sergejs Schritte. Ich begann in einer Bäckerei zu arbeiten, lernte nebenbei Buchhaltung und legte jeden Monat etwas Geld zurück.
Anja ging in den Kindergarten. Sie malte Häuser mit großen Fenstern und Türen, die immer offen standen.
Eines Abends saßen wir am Küchentisch. Draußen fiel der erste Schnee des Jahres. Anja malte einen roten Handschuh auf ein Blatt Papier.
„Mama“, fragte sie, „warum sind wir damals weggegangen?“
Ich legte den Stift beiseite.
„Weil ein Zuhause ein Ort sein muss, an dem niemand Angst haben muss.“
„Hattest du Angst?“
„Ja.“
Sie dachte nach.
„Und bist du trotzdem gegangen?“
„Ja.“
Anja nahm meine Hand.
„Dann warst du mutig.“
Ich musste lächeln. Nicht, weil die Vergangenheit verschwunden war. Sie war noch da, in manchen Träumen, in meinem Körper, in dem Reflex, bei einem lauten Geräusch zusammenzuzucken.
Aber sie bestimmte nicht mehr, wohin ich ging.
Im Sommer bekam ich eine feste Stelle in der Bäckerei. Ich kaufte einen gebrauchten Schreibtisch, stellte eine grüne Lampe darauf und begann, anderen Frauen bei Formularen zu helfen. Nicht als Heldin. Nur als jemand, der wusste, wie einsam ein Amtzimmer sein konnte, wenn niemand neben einem saß.
Dann kam Sergejs letzter Versuch.
Ein Brief lag eines Morgens im Briefkasten. Seine Schrift erkannte ich sofort. Er schrieb, er habe sich verändert. Er wolle nur fünf Minuten mit mir sprechen. Er schrieb, er liebe Anja und bereue alles.
Ich las den Brief zweimal.
Dann legte ich ihn neben das Aufnahmegerät und rief Daniel an.
„Was soll ich tun?“, fragte ich.
„Sie müssen gar nichts tun.“
Das war der Satz, den ich früher nie gehört hatte.
Ich antwortete Sergej nicht. Der Brief ging an die Behörde, und die Schutzanordnung blieb bestehen.
Am Abend nahm ich Anjas roten Wollhandschuh aus der Schublade. Ich hatte die losen Fäden inzwischen sauber vernäht und einen kleinen hölzernen Knopf daran befestigt. Der Handschuh war nicht mehr schön. Aber er hielt.
Draußen begann es wieder zu schneien.
Anja schlief im Nebenzimmer. Auf ihrem Tisch lag das Bild mit dem Haus und der offenen Tür.
Ich stellte den Handschuh auf die Fensterbank.
Zum ersten Mal roch Schnee nicht nach Flucht.
Er roch nach Anfang.
Missed the beginning?













