TEIL 4
…Natalja legte nicht auf. Sie hörte weiter zu, während draußen der Regen gegen die Fenster schlug.
Nikolai stand mitten in Andreis Arbeitszimmer und sah aus, als hätte man ihm den Boden unter den Füßen weggezogen.
— Sagen Sie ihnen, dass ich komme, sagte er plötzlich. — Ich erkläre alles.
Der Ermittler hob eine Hand.
— Sie erklären jetzt gar nichts mehr ohne Rechtsbeistand.
— Ich habe nichts getan!
— Dann wird die Untersuchung das ergeben.
Marina wich zur Wand zurück. Der Seidenmorgenmantel hing ihr von einer Schulter, und der Whiskygeruch zwischen uns war so stark, dass mir übel wurde.
Natalja beendete das Gespräch.
— Der Haftbefehl ist genehmigt. Gegen Nikolai wegen Urkundenfälschung, Betrugsverdachts und des Zugriffs auf geschützte Geschäftsdaten.
Mein Vater sah mich an.
— Irina, du weißt, dass ich dich liebe.
Ich hatte diesen Satz mein ganzes Leben lang gehört. Meistens kurz bevor er Geld verlangte.
— Dann hättest du mich nicht aus meinem Haus zerren müssen.
— Ich wollte dich retten.
— Vor wem?
Er zeigte auf den Datenträger.
— Vor Andrei. Er hat dich manipuliert.
Natalja antwortete ruhig:
— Andrei ist tot. Die Kontobelege, die Tonaufnahme und die Grundbuchunterlagen sind nicht manipuliert.
Zwei weitere Beamte kamen herein. Einer legte Nikolai Handschellen an. Der andere nahm Marina die Flasche aus der Hand und verpackte sie in einen Beutel.
— Ich habe nichts gewusst, sagte Marina hastig.
— Das können Sie später aussagen.
Nikolai wehrte sich nicht mehr. Als er an mir vorbeiging, blieb er stehen.
— Du bist meine Tochter.
— Ja.
— Du kannst mich nicht so behandeln.
Ich sah auf die Handschellen, dann auf sein Gesicht.
— Ich behandle dich nicht. Ich lasse nur zu, dass deine Entscheidungen Folgen haben.
Er wurde in den Wagen gebracht. Marina folgte einem zweiten Beamten, den Morgenmantel noch immer um den Körper geschlungen.
Natalja schloss die Tür, und für einige Sekunden hörte ich nur das Ticken der Küchenuhr.
Dann zeigte sie mir die Tonaufnahme noch einmal. Diesmal saßen wir in der Küche. Der Regen hatte aufgehört, aber das Fenster war voller Wasserstreifen.
Andreis Stimme erfüllte den Raum.
— Wenn du das hörst, Irina, dann hast du wahrscheinlich geglaubt, du müsstest wieder alles allein tragen. Das musst du nicht. Du bist nicht dafür verantwortlich, dass andere Menschen ihre Gier rechtfertigen.
Ich hielt die Hand vor den Mund.
Ich hatte gedacht, der schlimmste Moment meines Lebens sei seine Beerdigung gewesen. Nun hörte ich ihn sprechen, als säße er neben mir, und wusste, dass er seinen Tod gefürchtet hatte.
— Warum hat er mir nie davon erzählt? fragte ich.
— Weil er dich schützen wollte, sagte Natalja. — Und weil er überzeugt war, dass er die Sache in wenigen Tagen lösen würde.
Die Ermittler fanden später im Keller einen kleinen Aktenkoffer. Nikolai hatte ihn dort hinter einer losen Holzleiste versteckt. Darin lagen Kopien der Überweisungen, ein zweiter Schlüssel zu Andreis Büro und ein Kaufvertrag für Nordhafen Beratung.
Der Schlüssel trug einen Anhänger aus rotem Kunststoff. Ich erkannte ihn sofort. Ich hatte ihn vor Jahren selbst anfertigen lassen, als Nikolai behauptet hatte, er brauche Zugang zu Andreis Unterlagen, um eine angebliche Erbschaft zu prüfen.
Am nächsten Morgen wurde Nikolai in Untersuchungshaft gebracht. Sein Anwalt rief mich viermal an.
Beim fünften Mal nahm ich ab.
— Frau Petrow, sagte er, — Ihr Vater ist bereit, Ihnen alle Ansprüche abzutreten, wenn Sie Ihre Aussage ändern.
— Meine Aussage ist die Wahrheit.
— Sie könnten die Familie retten.
Ich sah durch das Küchenfenster auf den Garten. Dort lag ein zerbrochener Blumentopf, den Nikolai beim Hinausgehen umgestoßen hatte.
— Nein, sagte ich. — Ich würde ihn nur wieder vor den Folgen seiner eigenen Entscheidungen retten.
— Überlegen Sie es sich.
— Das habe ich bereits.
Ich legte auf.
Drei Wochen später brachte ich im Krankenhaus eine Tochter zur Welt. Sie war klein, wütend und gesund. Als die Hebamme sie mir auf die Brust legte, weinte ich zum ersten Mal nicht wegen Andrei.
Ich nannte sie Anja.
Natalja kam am Nachmittag mit einem Umschlag und einem Kuchen, den sie selbst gebacken hatte. Auf der Karte stand Andreis Handschrift: Für den Tag, an dem du wieder lachen kannst.
Ich stellte die Karte neben Anjas Bett.
Der Prozess dauerte Monate. Nikolai gestand schließlich, dass er die gefälschte Übertragung von einem ehemaligen Mitarbeiter erhalten hatte. Er hatte Geld aus Nordhafen Beratung abgezogen und geglaubt, nach Andreis Tod alles mit dem Haus und den Firmenanteilen ausgleichen zu können.
Er behauptete bis zuletzt, er habe nur genommen, was ihm als Vater zustand.
Die Ermittler fanden jedoch heraus, dass er am Abend vor Andreis Tod in dessen Büro gewesen war. Er hatte ihn unter Druck gesetzt. Andrei hatte die Gespräche aufgenommen. Nikolai war gegangen, bevor der Notarzt kam, aber seine Lügen hatten ihn eingeholt.
Ich sah die Aufnahmen vor Gericht nicht selbst. Natalja sagte mir später, dass Nikolai zum ersten Mal den Blick senkte, als er seine eigene Stimme hörte.
— Du hast gesagt: Wenn du nicht unterschreibst, wird Irina alles verlieren, berichtete sie mir. — Dann hast du selbst geantwortet: Sie wird schon unterschreiben, wenn sie allein ist.
Er hatte diese Worte vergessen.
Das Gericht nicht.
Er wurde wegen Betrugs und Urkundenfälschung verurteilt. Die Untersuchung zu Andreis Tod endete mit einem Schuldspruch wegen unterlassener Hilfeleistung und gefährlicher Nötigung, nicht wegen Mordes. Der medizinische Bericht konnte nicht beweisen, dass Nikolai den Tod verursacht hatte. Aber er bewies, dass Nikolai Andreis Zustand erkannt und trotzdem gegangen war.
Ich empfand keine Freude, als das Urteil fiel.
Nur Ruhe.
Das Haus blieb bei mir. Ich verkaufte die große Wohnung in der Stadt und zog mit Anja in eine kleinere Stadt am Fluss. Dort eröffnete ich eine Beratungsstelle für Menschen, die von Familienmitgliedern finanziell ausgenutzt wurden.
Anja lernte laufen zwischen dem Küchentisch und dem alten Bücherregal. Jeden Abend schlug sie mit beiden Händen auf die Holzfläche und lachte, wenn ich sie auffing.
Im Herbst bekam ich einen Brief aus dem Gefängnis.
Nikolai schrieb, er habe verstanden, wie sehr er mich verletzt habe. Er bat nicht direkt um Vergebung. Er schrieb nur, ich solle ihn besuchen, damit Anja ihren Großvater kennenlernen könne.
Ich las den Brief zweimal.
Dann legte ich ihn in eine Schublade und schrieb nicht zurück.
Ein Monat später kam eine Nachricht von Marina. Sie behauptete, Nikolai habe sie benutzt und sie wolle mir helfen. Sie könne mir erzählen, wer die gefälschte Datei übergeben hatte, wenn ich ihr Geld für einen Neuanfang schickte.
Ich löschte die Nachricht.
Manche Menschen ändern nicht ihre Richtung. Sie ändern nur die Geschichte, mit der sie an deine Tür zurückkehren.
Im Dezember fiel der erste Schnee. Anja saß auf dem Teppich und malte mit einem dicken grünen Stift ein Haus. Das Dach war schief, die Fenster waren viel zu groß, und neben der Tür hing ein winziges Glöckchen.
— Für Papa, sagte sie.
Ich setzte mich zu ihr.
— Ja, mein Schatz. Für Papa.
An diesem Abend nahm ich das Messingglöckchen von der alten Eingangstür aus der Kiste, die ich aus dem früheren Haus mitgenommen hatte. Es war zerkratzt und an einer Stelle dunkel angelaufen. Andrei hatte es aus Prag mitgebracht und jedes Mal geläutet, wenn er nach Hause kam.
Ich befestigte es an unserer neuen Tür.
Anja streckte die Hand danach aus.
— Klingeln?
— Klingeln.
Sie zog an der kleinen Schlaufe. Der helle Ton schwebte durch den Flur und blieb in der warmen Luft hängen.
Ich dachte an die Nacht, in der mein Vater mich hinausgestoßen hatte. An meine nassen Füße. An die Wehe. An Marinas Lachen. An das Papier, das meinen Namen zerstören sollte.
Und ich dachte daran, dass ich damals nicht geschrien hatte.
Nicht, weil ich keine Angst hatte.
Sondern weil in mir bereits etwas begonnen hatte, das größer war als seine Wut.
Anja legte den Kopf an meine Schulter.
— Mama, wer kommt?
Ich sah zur Tür. Niemand stand davor. Kein Vater. Kein Anwalt. Kein Mann mit einem falschen Dokument.
Nur der Schnee, der leise auf den Weg fiel.
— Niemand, sagte ich. — Wir sind zu Hause.
Das Messingglöckchen bewegte sich noch einmal ganz leicht.
Dann wurde es still.
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